Heute vor 250 Jahren einigten sich die Verhandlungspartner Preußens, Österreichs und Sachsens auf die Friedensverträge von Hubertusburg - was für ein wichtiger historischer Tag für Wermsdorf, für Sachsen, für Deutschland und für Europa

Mit einem ökumenischen Gottesdienst in der katholischen Kapelle St. Hubertus würdigen die sächsischen Landesbischöfe dieses Jubiläum heute, am 15. Februar 2013, in Wermsdorf.

Lesen Sie die Predigt vom Landesbischof em. Joachim Reinelt, Dresden-Meißen:

Predigtgedanken aus Anlass des Hubertusburger Friedens

von Bischof em. Joachim Reinelt,

Hubertusburg, 15. Februar 2013
 

Ich habe als Kind Bombenangriffe im Luftschutzkeller erlebt. Viele, die heute hier den 250. Jahrestag des Hubertusburger Friedens feiern, haben Jahre unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges gelitten. Auch der 7-jährige Krieg hatte schreckliche Folgen. Und noch heute leiden Millionen Menschen unter Kriegen.

Die Welt wird nur zusammenwachsen, wenn sie sich eine für alle verbindliche Mentalität des Friedens zueigen macht. Friedensstifter müssen die Menschen sein, statt Skandal­entwickler. Wahre Freundschaft zwischen Völkern und Kontinenten bei der Schaffung von Mitteln, die dem Frieden dienen.

Friede ist nicht einfach die Abwesenheit des Krieges. Es genügt auch nicht, das Gleich­gewicht militärischer Rüstung. Friede ist im wahren Sinn ein Werk der Gerechtigkeit. Weil die Gerechtigkeit ständiger Weiterentwicklung bedarf, ist Frieden

nie endgültiger Besitz, sondern ständige Aufgabe. So muss der feste Wille wachsen,

die anderen Menschen und Völker in ihrer Würde zu achten.

Friede und Nächstenliebe sind Geschwister. Trennt man sie voneinander, wird das Dasein chaotisch.

Die Durchsetzung von Rechtsansprüchen durch Gewaltanwendung hat in der Geschichte der Menschheit meist zu neuem Unrecht geführt.

Wir orientieren uns am Propheten Jesaia: „Sie werden ihre Schwerter umschmieden zu Pflugscharen und ihre Lanzen in Sicheln. Nicht wird Volk gegen Volk das Schwert mehr erheben, noch werden sie künftig rüsten zum Kriege“ (Jes 2,4)

Deshalb ist zu loben, wer sich Befehlen zu Kriegen, die nicht Verteidigung sind, tapfer widersetzt.

Gerechte Friedensverträge verdienen Würdigung. Der Vertrag von Hubertusburg hatte als Gewinner Preußen, Sachsen 300 Millionen Schulden und war zerstört, Österreich verlor Schlesien. Trotzdem bedeutet der Vertrag Ende von sieben Jahren Krieg.

Zu Recht feiern wir den Friedensvertrag von Hubertusburg, in dem wir mit einem Gottesdienst beginnen. Gott schenke uns seinen Frieden.

+ Joachim Reinelt, Bischof em. von Dresden-Meißen

Lesen Sie auch die Predigt des Landesbischofs Jochen Bohl:

Predigt von Landesbischof Jochen Bohl am 15. Februar 2013 in der Schlosskapelle St. Hubertus in Wermsdorf in einem Ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Festjahres „250 Jahre Frieden von Hubertusburg“

„Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“
(Matthäus 5, 9)

Liebe Gemeinde,

250 Jahre sind eine lange Zeit; der Siebenjährige Krieg ist im Bewusstsein der allermeisten vergessen, und der Friedensschluss von Hubertusburg wohl auch. Die Zeit heilt Wunden, möchte man sagen und das ist ja auch gut so. Es waren tiefe, lang schwärende Wunden, die insbesondere Sachsen und Mitteldeutschland zugefügt wurden in einem Krieg, den man nicht zu Unrecht als den allerersten Weltkrieg bezeichnet hat; Kämpfe wurden auch in den Kolonien geführt, in Indien und Amerika.

Begonnen hatte das Morden mit dem preußischen Überfall auf Sachsen, den die Zeitgenossen als ein furchtbares Verbrechen ansahen, nicht nur wegen der vielen Toten unter der Zivilbevölkerung und der enormen Schäden, die angerichtet wurden; zuerst bei der Beschießung Dresdens, die in eine Reihe mit den Gräueltaten des Dreißigjährigen Kriegs gehört, später dann in Schlachten, die angesichts der Weiterentwicklung der Kriegstechnik entsetzliche Opfer forderten.

Ein Verbrechen gegen göttliches und menschliches Recht sah man vor allem, weil Frieden herrschte, keine gerechten Gründe zu erkennen waren und es keine Kriegserklärung gegeben hatte. Dafür gab es nach den Maßstäben jener Zeit keine moralische Rechtfertigung. Dennoch wurde der Frieden von Hubertusburg weniger aus Einsicht in das Verwerfliche, sondern aus Erschöpfung geschlossen. Da er den Status quo ante bellum wiederherstellte, wurde gefragt, wofür denn so viel Blut vergossen worden war. Es war ein ungerechter Krieg. Später allerdings wurde eine veränderte Bewertung populär – dass der Siebenjährige Krieg Preußen zum Status der Großmacht verholfen habe. Darin klingt ein Bemühen um Legitimität an, das die Nazis bis zur Verherrlichung des preußischen Königs steigerten.

Das alles ist lange her; aber nicht ohne Bedeutung für das Heute. Wer sich erinnert, dem steht ja zugleich die Gegenwart vor Augen; und so öffnet sich die Möglichkeit, aus dem Vergangenen zu lernen. Wir leben im Frieden, seit 68 Jahren nun schon, es ist Friedenszeit, länger als jemals zuvor; und je vertrauter einem die Geschichte unseres Landes ist, desto dankbarer wird man dafür sein und sich verpflichtet wissen, mit den eigenen Möglichkeiten dazu beizutragen, dass uns der Frieden erhalten bleibt. Dazu hilft die Erinnerung an die Schrecken des Krieges und was sie heraufbeschwört.

Leben wir im Frieden? Bundeswehrsoldaten stehen in Afghanistan, in Mali und der Türkei, am Horn von Afrika, auf dem Balkan. Manche sagen, der Krieg kehre zurück, wenn auch in veränderter Form, werde geführt an fernen Orten, von wenigen Spezialisten und darum im Abseits des Interesses. Jedenfalls stellen sich neue Fragen nach dem Einsatz militärischer Gewalt. Wie soll geantwortet werden auf den islamistischen Terrorismus, wie umgehen mit asymmetrischen Konflikten? Setzen neue Waffentechnologien die Hemmschwellen herab, was ist die Aufgabe des Bündnisses und wozu verpflichtet es die Staaten? Darüber muss geredet und auch gestritten werden, das geschieht noch nicht genug. An einem Erinnerungstag wie diesem ist es wohl angebracht, daran zu erinnern, dass jeder Krieg, welcher Gestalt auch immer, seine eigene Dynamik entfaltet und Verlauf wie Folgen niemals absehbar sind. Zu allen Zeiten galt und gilt, dass der Krieg Menschen verändert; und mit ihnen das Menschenleben –  nicht zum Guten.

Liebe Gemeinde,
„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“ – das ist eine Einsicht, die aus Glauben kommt, aus Glauben an den Friedensfürsten. „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen“, sagt Jesus in der Bergpredigt, und von allem Anfang an haben die Menschen sich an dem Anspruch gerieben, der darin liegt; auch und gerade die Gläubigen, die Christus vertrauensvoll nachfolgen. Denn das Wort ist klar und wird unmissverständlich durch Beispiele und Gleichnisse, die der Herr uns gegeben hat. Er lehrte die Menschen, den Weg der Versöhnung zu gehen, der Gewalt abzusagen, erlittenes Leid nicht durch weiteres Leiden zu verschärfen, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Sondern gewaltlos zu leben, um des Friedens willen noch die andere Backe hinzuhalten. „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“; das ist gewisslich wahr.

Aber wie kann das gelten in einer gewalttätigen Welt? Wie können wir durch unser Handeln Christus ins Recht setzen – und wissen doch, dass Böses geschieht, dass Gewalt eine Wirklichkeit ist und Menschen einander mit furchtbaren Verbrechen überziehen? Dass es Situationen gibt, in denen es möglich und geboten ist, den Opfern beizustehen, den Gewalttätern entgegenzutreten und den Frieden gegen die Friedlosen zu verteidigen. Es ist eine Spannung zwischen dem Wort Christi und der Welt, in der wir es bezeugen sollen und wollen. Diese Spannung haben Christenmenschen zu allen Zeiten empfunden. Auflösen können wir sie nicht. Denn wir sind verpflichtet, dem Bösen zu wehren; und zugleich gilt: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Die Kirchen haben sich schwer damit getan, und sind zu unterschiedlichen Antworten gekommen. Es liegt nur wenige Jahre zurück, dass in unserer sächsischen Landeskirche über die Frage gestritten wurde, was denn das „deutlichere Zeichen“ sei, die Wehrdienstverweigerung oder der Dienst in der Bundeswehr. Einigkeit bestand und besteht darin, dass es die wichtigste Aufgabe des Staates ist, das Leben seiner Bürgerinnen und Bürger zu schützen; und dazu kann auch die Anwendung von Gewalt gehören, als letzte Möglichkeit, „ultima ratio“, die nur dann in Frage kommt, wenn alle Versuche der friedlichen Konfliktlösung gescheitert sind.

Liebe Gemeinde,
nicht weit von hier wurde Christian Fürchtegott Gellert geboren, in Hainichen. 1757, im zweiten Kriegsjahr, schrieb er ein wunderbares Adventslied, das bis heute viel gesungen wird. „Dies ist der Tag, den Gott gemacht“. Darin heißt es:
„Du unser Heil und höchstes Gut, vereinest dich mit Fleisch und Blut, wirst unser Freund und Bruder hier, und Gottes Kinder werden wir.“ (EG 42,6)

Gellert war ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit, und seine Hoffnung „…Gottes Kinder werden wir“ ist angesichts der blutigen Kriegsereignisse ein Satz des Glaubens. Gellert wusste, dass der Glaube in einer heillosen, zerrissenen Welt gelebt sein will und gelebt wird; und es das Geschenk Gottes ist, wenn die Gläubigen sich nicht in Finsternis verlieren. Glaubend empfangen sie das Heil, das nur Gott schenken kann. In einem von den Schrecken des Krieges überzogenen Land wird das Evangelium zur Hoffnung der geängstigten Seelen.

Das ist kein billiger Trost. Damit ist gerade nicht gesagt, dass wir Christenmenschen unser Leben gewissermaßen ungerührt verbringen könnten, als ginge es uns nichts an, was Menschen einander antun und wie gelitten wird unter Hass und Gewalttat. Der Glaube an den Auferstandenen wird nicht in einem gesonderten Raum gelebt, sondern angesichts der Nöte und Spannungen der Welt. Gerade darum ist Gott Mensch geworden, wie wir es sind; und wird denen, die auf ihn vertrauen und ihm nachfolgen, ein „Freund und Bruder“.

Am Kreuz ging er den Weg des Menschseins bis an das Ende, in die letzte und äußerste Tiefe hinein. Wer auf ihn sieht, erkennt den Versöhnungswillen Gottes und wird sich rufen lassen, als ein Kind Gottes mit den anderen friedlich zu leben in versöhnter Verschiedenheit. So gibt es Hoffnung für diese Welt; sie kommt von dem, der uns anredet: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Amen.

 

Die Sonderbriefmarke zum Friedensjubiläum wurde an diesem Tag durch Vertreter des Bundesfinanzministeriums und durch den sächsischen Finanzminister Prof. Georg Unland der Öffentlichkeit vorgestellt.