Ein Bericht in der Süddeutschen Zeitung vom 2. Mai 2013 - eine besonders schöne journalistische Einladung nach Wermsdorf

VIEL  GLANZ,  DOCH  WENIG  GLORIA

 

Schloss Hubertusburg, das sächsische Versailles, ist wieder zugänglich

 

 

Jeder kennt die großen barocken Schlossanlagen Europas aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Wegen ihres enormen Flächenbedarfs liegen sie meist ein Stück vor der eigentlichen Hauptstadt und zählen zu den bedeutenden touristischen Attraktionen - Versailles bei Paris, Sanssouci bei Berlin, Schönbrunn bei Wien, Nymphenburg bei München. Nur eins von diesen Riesenschlössern war ganz und gar in Vergessenheit geraten: Hubertusburg. Seit letztem Wochenende kann man es wieder besuchen.

 

Es war das Versailles des Dresdner Hofs, des damals nach dem französischen prächtigsten Europas. In Dresden zeugen bis heute zahlreiche Bauten von diesem siebzig Jahre währenden „augusteischen“ Zeitalter unter den beiden Fürsten August dem Starken und seinem Sohn August III., Zwinger, Brühlsche Terrassen, Frauenkirche und manche andere. Sachsen war damals noch mehr als doppelt so groß wie heute, es galt als der reichste aller deutschen Staaten; noch heute kann man sich, trotz aller Kriegsverluste, im Grünen Gewölbe, in der Porzellansammlung, in der Türckischen Kammer ein Bild davon machen, welchen Prunk dieser Reichtum ermöglichte. Die Kurfürsten, Vater und Sohn, trieben große europäische Politik; sie erwarben die Königskrone Polens, das damals bis weit in die Ukraine ging, und liebäugelten mit dem Gedanken, auch die deutsche Kaiserwürde zu erlangen.

 

Doch zum Verdruss der Monarchen bot Dresden mit seiner eingeengten Lage im Elbtal keinen Raum für eine Residenz, die ihren Ambitionen angemessen schien. Ein Areal, das ihnen zusagte, fanden sie in Wermsdorf, etwa auf halbem Weg zwischen Dresden und Leipzig, der wirtschaftlich wichtigsten Stadt ihres Landes, wohin sie zweimal pro Jahr zur Messe reisten. Dort gab es bereits ein Jagdschloss, eine stattliche Renaissance-Anlage, in der heute die Verwaltung der Gesamtgemeinde Wermsdorf residiert; aber das genügte ihren Ansprüchen natürlich nicht. Ab 1720 ließen sie in mehreren Etappen einen Komplex errichten, der mit seinen Symmetrieachsen die Landschaft weithin beherrschte, dem ganzen Dresdner Hofstaat Raum bot und auf Staatsgäste den gebührenden Eindruck machte.

 

Hubertusburg gilt als „Jagdschloss“, dies verkünden sein Name und die Wetterfahne in Gestalt eines springenden Hirschen auf dem Hauptbau; es klingt bescheiden. Doch sollte man sich vor Augen führen, was Jagen damals hieß. Das 18. Jahrhundert war die hohe Zeit der fürstlichen Parforce-Jagden, die in ihrem Aufwand einem kleinen Krieg gleichkamen. Ja, eindeutig am Krieg nahm sich diese Jagd ihr Muster, und wie dieser gab er dem Monarchen Gelegenheit, seine männlichen Tugenden unter Beweis zu stellen. Dem einen armen Hirschen, der bis zur Erschöpfung gehetzt wurde, ehe der Fürst ihm den Gnadenstoß gab, stand eine Parforce-Equipage von typischerweise 53 Mann gegenüber, darunter sechs Piqueure, zwei Sattelknechte, sechzehn Reitknechte, ein Stallschreiber, ein Rossarzt, ein Reitschmied und zehn Hundejungen, dazu natürlich Dutzende Pferde und Hunde. August III. liebte diesen fürstlichen Zeitvertreib noch mehr als sein Vater; und auch seine Gattin, die Kaiserstochter Maria Josepha, nahm mit Vergnügen daran teil, ungeachtet ihrer fünfzehn Schwangerschaften, im „Amazonenhabit“ und im quergestellten Damensattel, der bei scharfem Galopp zur Falle werden konnte.

 

Der größte Teil der Ausstellung, durch die das Schloss nun erstmals wieder öffentlich zugänglich wird, hat es mit diesen Jagden zu tun, die einen reichen Fundus von Accessoire hervorgebracht haben. Man sieht hier kostbar gearbeitete Büchsen, Jagdhörner, Hirschfänger, Peitschen, Sättel, auch entzückende kleine Porzellanskulpturen von Jägern, die galant um Jägerinnen werben. Eine Überraschung stellen die wappengeschmückten Jagdlappen dar, mit denen man weiträumig das Revier absteckte, in der Erwartung, dass den Jägern das Wild dann nicht „durch die Lappen gehen“ würde.   

 

Doch August III., unter dessen Herrschaft die Arbeiten 1752 abgeschlossen wurden, hatte nur kurze Zeit Freude an seinem Schloss. Sachsen geriet in die Mühlen des Siebenjährigen Krieges, es wurde 1756 von den Preußen besetzt, die es auspressten nach Strich und Faden. Der König floh nach Warschau, Dresden ging in Flammen auf (die Bilder in Hubertusburg zeigen eine Trümmerlandschaft und ein Inferno am Elbufer wie einen Vorgeschmack von 1945). Friedrich II. höchstpersönlich gab den Befehl, das eroberte Hubertusburg mit all seinen höfischen Schätzen komplett auszuplündern. Als Vorwand diente ihm der Umstand, dass das preußische Schloss Charlottenburg kurz zuvor von den Feinden (darunter einigen sächsischen Soldaten) vandalisiert worden war; aber was in Hubertusburg geschah, ging in seinem systematischen Charakter weit darüber hinaus. Sechzehn Wochen dauerten die Räumaktionen, die wertvolle Gemäldesammlung wurde in alle Winde zerstreut, selbst das Kupfer der Dächer heruntergeholt. Ein wenig später angefertigter Schadensbericht hält fest: „Enfin, es ist kein Stuhl, kein Tisch, kein Offen, kein Bette, kein Schranck, kein Fenster-Stab und an vielen Orten kein Fenster verblieben, alle Fenster-Vorhänge, alle Bett-Wäsche ist verlohren.“ Im Zeitalter der europäischen Kabinettskriege, wo die Monarchen trotz allen Zwists höflich miteinander umzugehen und ihren persönlichen Besitz wechselseitig zu schonen pflegten, galt Friedrichs Vorgehen als beispielloser Bruch der Konvention. Sogar seine Lobredner merkten angesichts des Falls Hubertusburg bekümmert an, es habe Momente gegeben, da sei Friedrich der Große wohl nicht ganz so groß gewesen.

 

Der Titel einer kleinen Nebenausstellung mit Filmkostümen, die in Hubertusburg auch zu sehen ist, lautet „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“. Das bringt die Rollenverteilung der beiden Mächte auf den Punkt. Preußen leistete sich trotz seiner geringen Größe und schwachen Wirtschaft eine riesige Armee (sie umfasste drei Prozent der Bevölkerung), Sachsen hingegen rüstete ab und steckte das Geld lieber in die Repräsentation. August III., höhnte Friedrich, könne sich keine Artillerie leisten, weil er soeben 400.000 Taler für einen grünen Diamanten habe ausgeben müssen. Man fragt sich, warum die sächsische Politik diese Gefahr nicht sah: dass sie ihrem raubgierigen Nachbarn das Land als wehrlose Beute geradezu aufdrängte. 

 

In Hubertusburg endete dieser Krieg auch. Genau 250 Jahre ist es her, dass hier der Friede zwischen Preußen, Sachsen und Österreich geschlossen wurde; das Jubiläum lieferte den willkommenen Anlass zur Neueröffnung des Schlosses. Dem Hubertusburger Frieden gilt der kleinere zweite Teil der Ausstellung. Die Verhandlungen fanden in einem Nebengebäude statt, denn das Schloss selbst war nach der preußischen Verwüstung unbewohnbar. Man kann, wenn man von dem lichtempfindlichen Dokument eine Decke abhebt, ein Original-Exemplar des Vertrags mit der Unterschrift des Preußenkönigs sehen. Winzig wirkt dieses „Fridericus“, wenn man bedenkt, was für Umwälzungen damit ihren Abschluss fanden.

 

Denn der Siebenjährige Krieg (oder „French and Indian War“, wie er in der englischsprachigen Welt heißt) war der erste echte Weltkrieg gewesen, ausgefochten auf allen Kontinenten mit Ausnahme Australiens. England und Frankreich hatten sich schon kurz zuvor in Paris geeinigt; Frankreich verlor seine Kolonialbesitzungen in Kanada, Westafrika und Indien, England stieg zur weltweit dominierenden Seemacht auf. In Europa befestigten Preußen und Russland ihre Stellung als neue europäische Großmächte, die alten Mächte Spanien und Schweden wurden endgültig an den Rand gedrängt. Österreich konnte zwar Schlesien nicht zurückholen, behauptete sich aber ansonsten. Die großen Verlierer waren Frankreich, das sich völlig übernommen hatte, und Sachsen, das zwar den Preußen für diesmal noch von der Schippe sprang, jedoch völlig bankrott war, Polen aufgeben musste und als Akteur im großen europäischen Spiel künftig ausschied. 

 

Schloss Hubertusburg aber blieb als eine leere Schale zurück. Was sollte man damit anfangen? Barockschlösser mit ihrer sehr spezifischen Architektur lassen sich ja notorisch schwer umnutzen, und dieses hier was auch noch so entsetzlich groß. In den nächsten beiden Jahrhunderten versuchte man es mit Militärmagazinen, einer Manufaktur, am dauerhaftesten mit einem Krankenhaus. Reste dieser Nutzung, die bis nach der Wende bestand, lassen sich heute noch erkennen, wenn man durch die langen Flure geht; Abwasserrohre laufen in drei Meter Höhe quer durch einen Festsaal, ein roher und kümmerlicher Anblick. Inzwischen wurden die Gebäude baulich gesichert, der Verfall ist jedenfalls aufgehalten; doch die Schwierigkeit, was man mit einem solchen Riesenkasten tief in der Provinz anstellen soll, besteht fort. In einem Teil der Räume lagern die Reste des eingestürzten Kölner Stadtarchivs und werden mühsam wieder zusammengepuzzelt, ein Cafè hat sich eingerichtet und noch so dieses und jenes; man denkt auch daran, aus den Dresdner Beständen, die gegenwärtig  nicht zu sehen sind – 12.000 Objekte -, hier ein Jagdmuseum einzurichten. Aber das alles wird nicht langen, den gewaltigen Leerstand zu füllen. Vielleicht ist das ja vorerst auch gar nicht das Schlechteste: Es muss ja nicht alles in unserer Generation erledigt werden, hier gibt es eine beträchtliche stille Reserve für Ideen, die die Zukunft bringen mag.

 

Und auch die Gemeinde Wermsdorf, die bisher eher im Abseits lag, macht sich Hoffnungen. Jetzt, wo das lang vergessene Schloss begonnen hat, die Augen auf sich zu ziehen, könnte der Blick der Besucher auch auf die schöne Umgebung fallen, die weite Teich- und Seenlandschaft mit ihren vielen Wasservögeln und den großen Wermsdorfer Forst, der einst von den Hörnern der Parforce-Jagd widerhallte.    

                               BURKHARD MÜLLER